Eine Geschichte, die Fragen hinterlässt

Das Regime der Roten Khmer unter Pol Pot ist eines der dunklen Kapitel der Menschheit. Die genauen Vorkommnisse hier noch einmal zusammen zu fassen, macht keinen Sinn, dass findet man im Internet unter den folgenden Links, von Menschen geschrieben, die davon weitaus mehr Ahnung haben.


Choeung Ek

Killing Fields

Tuol Sleng/S21

Khmer Rouge

Pol Pot

Die Khmer Rouge nach 1979



Nach marxistischer Denkweise visiert Pol Pot einen kompromisslosen Bauernstaat ohne Individualität an, um wieder zur Blüte der kambodschanischen Hochzivilisation Angkor zurück zu kehren. Jegliche Intellektuelle, Ausländer, Mönche, Systemgegner und andere Gruppen werden inhaftiert, auf unvorstellbare Weise gefoltert und schlussendlich liquidiert. 1/3 Kambodschas oder rund 2 Millionen Menschen fallen diesem Irrsinn direkt oder den Folgen von Hunger zum Opfer. Soviel ganz in Kürze.

Zwei der bekanntesten Plätze, die man heute um Phnom Penh noch besuchen kann, sind das Foltergefängnis S21 und die Killing Fields, der Liquidierungsplatz gut 13 km außerhalb der Stadt.

„Man muss sich mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen“ ist der meist genutzte Satz, den Touristen auf die Frage, ob sie diese Stätten besuchen, entgegnen.

Ob es tatsächlich immer die alleinige Auseinandersetzung mit der Geschichte oder doch eine Art Vergangenheitsvoyeurismus mit Gruselelementen ist, muss wohl jeder für sich selbst klären. Leider habe ich niemandem die weiterführende Frage gestellt, „Was passiert denn dann genau, wenn du dich mit der Geschichte des Landes auf diese Weise auseinandersetzt? Und reicht es nicht aus, um diese Dinge einfach nur zu wissen, ohne sie als Attraktion zu besuchen?“

Auch ich selbst müsste mir meine eigene Frage gefallen lassen und hätte nicht direkt eine Antwort parat.

Das Gefühl in den Gemäuern von Tuol Sleng zu stehen ist auf jeden Fall sehr befremdlich. Im Prinzip sind die Räume erhalten, wie man sie vorgefunden hat, nur auf den Bettgestellen befinden sich keine zu Tode gefolterten Menschen mehr. Aber diese sind durch ein Foto im gleichen Raum veranschaulicht und es wird gezeigt, wie genau der Bereich nach Einmarsch der Vietnamesen 1979 vorgefunden wurde. In anderen Etagen hängen Bilder aller Inhaftierten, deren Gesichtsausdruck sich mit manischer Gleichgültigkeit und Todesangst abwechselt und es werden damals gängige Foltermethoden veranschaulicht, die einen nur noch ungläubig den Kopf schütteln lassen.




Beim Besuch der Killing Fields bleibt ebenso ein leicht bitterer Beigeschmack, ob die Kambodschaner da immer ganz sensibel mit ihrer Geschichte umgehen oder es etwas als Livegeisterbahn missbrauchen.

Die meisten TukTuk Fahrer haben auf jeden Fall ihre Art gefunden, die Vergangenheit zu bewältigen. Nach dem Besuch der Killing Fields begegnet man auf dem Rückweg unweigerlich der Frage des Fahrers: „Und jetzt? Wollt ihr zum Schieß Stand. Der ist nicht weit von hier!“

Viele der Täter aus damaliger Zeit laufen übrigens heute immer noch frei in Kambodscha herum.

Verfolgungen der Täter sind nicht mit letzter Konsequenz und erst sehr spät durchgeführt worden. Das einberufene UNO Tribunal zur Verurteilung von „Khmer Rouge“-Führern hat nicht in voller Tragweite zum gewünschten Erfolg geführt.

Mich würde interessieren: Was geht in Menschen wie Pol Pot eigentlich genau vor? Stehen diese Menschen in letzter Konsequenz selber noch hinter ihren Idealen? Reflektieren sie ihre eigenen Handlungen und wissen, was sie dort tun? Müsste es nicht irgendwann mal „Klick“ machen und selbst die Frage aufkommen, ob das was dort getan wird der Weg ist, der ursprünglich anvisiert war? Gibt es bei unbegrenzter Machtbesessenheit irgendwann keine moralischen Barrieren mehr oder definieren sich diese im Fanatismus vollkommen neu?

Wie die Vergangenheit nun dort bewältigt wird und wie man aus der Geschichte in Kambodscha lernt, bleibt die letzte große Frage. Wird so was nie wieder geschehen? Zu viele der damaligen Verantwortlichen sind noch immer auf freiem Fuß und Spezialisten behaupten, unter Kambodschas gesellschaftlicher Oberfläche brodelt es noch immer gewaltig. Das Gedankengut der roten Khmer ist noch nicht endgültig ausgelöscht. Gerade auch unter dem Gesichtspunkt, dass ihre Machenschaften inklusive Tötungen noch bis ins Jahr 2002 weitergeführt wurden. Man ist sich nicht einstimmig sicher, dass das Geschehene nie wieder eintreten könnte, in welcher Form auch immer.

Nun bin ich noch die Antwort schuldig: Wie habe ich mich nun damit auseinander gesetzt? Eine Menge Fragen sind offen und ich denke, die Auseinandersetzung mit der Geschichte eines solchen Landes oder darüber hinaus mit den dunkelsten Seiten (un)menschlicher Existenz, ermöglicht einem wenigstens in der Besuchszeit sehr fokussiert nur mit diesem Thema umzugehen. Eindeutig wird jedoch der emotionale Faktor stärker beeinflusst, wenn man am Ort des Geschehens ist und die Unglaublichkeit der Taten weitaus tiefer in Bewusstsein rückt, wenn sie mit mehreren Sinnen erfahren werden. Alles wirkt realer, plastischer und nicht nur wie eine vergangene „Geschichte“, weil die Originalkulissen noch erhalten sind.

Ob dies Kambodscha oder auch den Rest der Menschheit vor weiteren dieser dunklen Kapitel bewahrt, wage ich selbst dennoch zu bezweifeln. Einen normalen Menschen mag es ungläubig den Kopf schütteln lassen, aber was würde ein Hitler, Stalin, Pol Pot, Mao oder Milosevic beim Besuch von S21 sagen oder empfinden? (Marc)